Musik im Unterricht

  1. Auffinden von Musik
  2. Arbeiten mit Musik
  3. Fazit


Im folgenden Artikel möchte ich zeigen, wie man geeignete Popmusik findet und damit im DaF-Unterricht arbeiten kann. Ich stütze mich dabei auf eigene Erfahrungen und auf Sandra Bayers „Popmusik im DaF-Unterricht” (2007). Popmusik wird von Jugendlichen nicht nur gehört, sondern oft auch via Videoclips z. B. über YouTube „konsumiert″; wie man speziell mit den visuellen Aspekten dieser Clips arbeiten kann, soll hier aber nicht behandelt werden.

1. Auffinden von Musik

Die Auswahl von geeigneter Musik kann einige Zeit in Anspruch nehmen. Diese Zeit hat man als Lehrer im Schulbetrieb meistens nicht. Viele Lehrbücher enthalten aber schon eine Auswahl an populärer Musik, auf die du als Lehrer zurückgreifen kannst. Zumeist gehören diese Lieder zum Genre Popmusik. Das ist durchaus sinnvoll, weil die Popmusik besonders in englischer Sprache zum Alltag und den Lebensgewohnheiten der Jugendlichen gehört. Man sollte aber meiner Meinung nach nicht mit dem Hintergedanken suchen: „Werden meine Schüler dieses Lied mögen?″; zum einen ist Musikgeschmack ohnehin individuell verschieden und zum anderen wird es in der Regel nicht zu den Gewohnheiten der Schüler gehören, deutsche Popmusik zu hören. Der Unterhaltungswert ist also nicht das, was im Vordergrund stehen sollte.

Muss mir das Lied gefallen?

Hier gilt dasselbe wie für die Schüler, die Deutsch als Fremdsprache lernen; nein, nicht einmal du selber musst das Lied mögen. Es gehört zum Wesen der deutschsprachigen Popmusik, dass sich ein Teil der deutschen Jugendlichen damit identifiziert. („Alte Lehrer” gehören also nicht zur Zielgruppe:) )

Sich mit etwas zu identifizieren heißt auch, sich von der Erwachsenenwelt abzugrenzen – abrenzen durch Kleidung, Sprache/Jargon, Hobbys, Musik etc. Immer wieder höre ich von Lehrern, dass in diesen Popliedern doch so hässliche Wörter benutzt würden und die Sprache oft Jargon und Umgangssprache enthalte. Bei „hässlichen Wörtern” darf man nicht zu puristisch sein: ein „Scheiße” oder „scheiß-” z. B. regt heute keinen Muttersprachler mehr auf. Meine Grenze geht definitiv bei obszönen und sexistischen Ausdrücken. Auch rassistischer oder in anderer Weise diskriminierender Inhalt ist nicht mit einem demokratischen und auf Menschenrechten basierenden System vereinbar.

Was den Musikstil angeht gibt es auch andere Genres, die man verwenden könnte: Rock, Hip-Hop/Rap, Schlager, Chanson usw.

Wie aktuell sollte das Lied sein?

Ein Lied veraltet im Zeitalter von Internet und Spotify oft sehr schnell. Viele Hits überleben nur wenige Wochen. Das soll natürlich nicht heißen, dass man sehr neue Lieder nicht im Unterricht verwenden kann. Ich würde aber eher empfehlen, dass man nach Interpreten und Gruppen Ausschau hält, die sich über längere Zeit gehalten haben und schon eine größere Fan-Gemeinde besitzen.

Wo finde ich mein „Liedmaterial”?

Das ist natürlich eine der wichtigsten Fragen. Im Folgenden möchte ich dir drei Quellen vorschlagen:

  • Deutsche Single-Charts (MTV)

Mein Tipp wäre, dass du mal bei den deutschen Single-Charts von MTV nachschaust (Hitlist Germany – Top 100).

Dort findest du aktuelle Hits; die meisten davon sind englischsprachig. Man muss die Liste also systhematisch von oben nach unten durchgehen. Achte dabei einfach auf deutsche Gruppennamen oder deutsche Liedertitel. Die Videos lassen sich nicht direkt auf der Seite öffnen. Um das Lied zu hören muss du das Copy-und-Paste-Verfahren anwenden: Markiere den Gruppennamen und Titel, öffne YouTube in einem neuen Fenster und klebe die Information ins YouTube-Suchfeld.(Falls Copy-und-Paste nicht funktioniert, schreibe manuell ins Suchfenster)

Auf YouTube haben viele Künstler ihr Material selber hochgeladen, d.h. es handelt sich um legales Material. Offizielle Videos sind oft (aber nicht immer) mit dem Zusatz „offiziell” versehen, einige Interpreten haben auch eigene YouTube-Kanäle eingerichtet. Songtexte findest du entweder bei YouTube oder anderswo im Internet; achte aber bitte auf die Rechtschreibung, weil viele im Internert ausgelegte Texte zahlreiche Fehler enthalten.

  • Step into German (Goethe-Institut)

Empfehlenswert ist die Musik-Abteilung von Step into German, einem Webangebot des Goethe-Instituts. Hier findest du neben der deutschen Chartlist, auch Videoclips, Songtexte und Hintergrundtexte zu Künstlern als Text und Audio. Ein großes Plus bei Step into German: zu den Liedern gibt es fertige Arbeitsblätter (Worksheets)! Die Arbeitsblätter zeigen dir, wie man mit Musik im Unterricht arbeiten kann; einige dieser Arbeitsweisen werden auch unten beschrieben (2. Arbeiten mit Musik). Allerdings sollte man bei der Menge der Aufgaben, die die Schüler bearbeiten sollen, eine Auswahl treffen, weil die Aufgaben zum Teil recht umfangreich sind.

  • PopXport (Deutsche Welle)

Die Deutsche Welle hat auf ihrer Website eine eigene Musiksendung mit Berichten über neue Entwicklungen: PopXport. Viele der vorgestellten Gruppen (jedenfalls war das bisher so) singen aber auf Englisch und sind damit im Deutschunterricht nicht einsetzbar.

Ansonsten gilt, einfach mal googeln und gucken, was man so findet. Es ist wie gesagt auch legitim, sich einfach der Lehrbuchsongs zu bedienen. Aber Originaltexte sollten es sein, keine speziell für den Deutschunterricht geschriebenen Texte. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass die meisten Popsongs sprachlich über dem Niveau der Deutschlerner liegen, das soll aber keinesfalls heißen, dass sie keinen Zweck erfüllen könnten. Es hängt davon ab, welches Lernziel man mit der Musik verfolgt. Darüber handelt der nächste Abschnitt.

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2. Arbeiten mit Musik

Im Folgenden nenne ich ein paar Weisen, wie man mit Musik im DaF-Unterricht arbeiten kann. Dieser Katalog ist nicht erschöpfend; er ist als methodischer Werkzeugkasten gedacht. Musik im DaF-Unterricht ist denkbar …

  • als Inhaltsübung (Sprechübung)
  • als Realiaübung
  • als Hörverständnisübung
  • als Ausspracheübung
  • als Lese- und Schreibübung
  • als Assoziationsübung (Musikalischer Aspekt)

Die unterschiedlichen Übungen sind nur zum Zwecke der Analyse getrennt, zumeist überlappen sie sich untereinander. Wenn man z. B. fragt „Was habt ihr verstanden?”, dann ist das sowohl Arbeiten mit dem Inhalt als auch Hörverständnis und Sprechübung.

Musik als Inhaltsübung (Sprechübung)

Bereits vor dem Hören des Liedes könnte man die Schüler fragen, ob sie die Gruppe kennen oder das Lied schon einmal gehört haben (Vorverständnis).

Es spricht einiges dafür, das Lied zunächst nur zu hören, ohne den Text vor Augen zu haben. Auch hier könntest du erst einmal fragen, was die Schüler aufgeschnappt haben: einzelne Wörter, Sätze oder Ausdrücke.

Viele Lehrbücher stellen am Ende des Textes Fragen zum Lied bereit. Natürlich kann man diese mit seinen Schülern besprechen. Zumeist werden zum Text auch diejenigen Vokabeln angegeben, die zum Verständnis des Textes notwendig sind.

Bestimmt ist dir auch schon aufgefallen, dass einige Schüler unaufgefordert sofort damit beginnen, den Text Wort für Wort zu übersetzen. Das ist leider Zeitverschwendung, da – wie gesagt – die Texte in der Regel über dem Niveau der Lerner liegen und eine angemessene Übersetzung einen geübten Übersetzer verlangt. Vor allem aber lernen die Schüler auf diese Weise nicht die notwendigen Verstehensstrategien bzw. Lesestrategien. Die Annäherung an einen Text vom Allgemeinen (top-down-Verfahren) kommend oder aus der Vogelperspektive gesehen muss immer dem Lesen im Detail (bottom-up-Verfahren) vorausgehen. Man stelle sich einmal vor, man würde jeden fremdsprachlichen Zeitungsartikel oder Roman erst einmal in die eigene Sprache übersetzen: eine Sisyphusarbeit, bei der man das Verstehen – trotz der Lücken – eben nicht erlernt.

Musik als Realiaübung

Popmusik liefert wichtiges landeskundliches Wissen, auch wenn das auf den ersten Blick nicht erkennbar ist. Das Lied kann Gegebenheiten behandeln, die in dem Land relevant sind oder Stimmungen der Jugendkultur widerspiegeln. Möglicherweise kommen Dialekte oder Jugendjargon vor; auch dies kann mit den Schülern thematisiert werden. Umgangssprache (colloquial speech) kommt praktisch immer vor, weil die Popsongs Ausdruck mündlicher Sprache sind, die Verschriftlichung kam sozusagen erst als zweiter Schritt. Allgemein ist es wichtig, die Schüler mit verschiedenen Textsorten/Sprechweisen zu konfrontieren. Dabei sind Popsongs ein gutes Beispiel für gesprochene Sprache, und oftmals von gesprochener Jugendsprache.

Der Popsong an sich enthält aber noch eine weitergehende, indirekte Information (Sekundärinformation); wenn man beispielsweise einen aktuellen Popsong findet, der gegenwärtig viel in Deutschland gespielt wird, ist das auch eine Form von landeskundlichem Wissen.

Diesen interkulturellen und landeskundlichen Wert hat Popmusik natürlich nur, wenn die Texte authentisch sind. Daher sind eigens für den Fremdsprachenunterricht geschriebene Lieder, sogenannte „didaktische Lieder” abzulehnen (ebenso Bayer 2007, 65).

Musik als Hörverständnisübung

Eine häufige und bewährte Form der Hörübung ist es, die Schüler Lückentexte während des Hörens ausfüllen zu lassen. Sicher hast du dieses Verfahren auch schon mal im Unterricht angewandt. Auch das Fragen danach, was man aufgeschnappt hat, betrifft das Hörverständnis, ist aber komplexer als der Lückentext.

Musik als Ausspracheübung

Die Aussprache kann z. B. durch Mitsingen geübt werden. Hier bin ich ein bisschen skeptisch, was nicht nur damit zu tun hat, dass ich schlecht singe. Meine Erfahrung ist, dass Teenager es oft als äußerst peinlich empfinden mit ihrer Lehrerin/ihrem Lehrer zu singen. YouTube ist voll von peinlichen Lehrervideos, in denen Lehrer ihren (heranwachsenden) Schülern etwas vorsingen. Gemeinsames Singen mit Kindern ist da erfolgversprechender.

Musik als Lese- und Schreibübung

Das Leseverständnis kann geübt werden, indem der Text vorzugsweise nach dem Hören gelesen wird oder durch gleichzeitiges Mitlesen beim Hören.

Die Schreibfertigkeit wird geübt, indem man Schreibaufgaben an inhaltliche Aspekte des Textes formuliert. Gegenüber dem mündlichen Gespräch kann hierbei Sprache und Inhalt oftmals tiefgehender und reflektierter behandelt werden.

Musik als Assoziationsübung (Musikalischer Aspekt)

Bayer kritisiert, dass Popsongs oft wie Gedichte einer literarischen Interpretation unterzogen würden, dabei werde der musikalische Wert der Popsongs übersehen (2007, 55 f.). Sie hält es für legitim nach den oben genannten (klassischen) Methoden zu arbeiten, betont aber, dass die emotionale Kraft und die unterschiedlichen Assoziationen, die Musik bei Lernern auslöst, nicht genutzt würden (2007, 57).

Musikalisches wie Melodie, Rhythmus, Instrumentalisierung, Stimme des Sängers/der Sängerin können berücksichtigt werden, v.a. wenn sie Inhalt betonen. Die spontane Reaktion auf Musikalisches ermöglicht, dass der Lerner sich einbringen kann.

Von der Musik kommend, können die Schüler Vermutungen über den Inhalt des Liedes anstellen, die dann wieder am Text überprüft werden können (Kast 1985, 178f. zit. nach Bayer 2007, 69). Hier sollen nur zwei mögliche Arbeitsweisen vorgestellt werden, die Bayer zitiert (2007, 69 ff.):

  • der Hevnersche Adjektivzirkel und
  • das Hofstättersche Polaritätsprofil

Beim Hevnerschen Adjektivzirkel geht es darum, zu den Empfindungen beim Hören der Musik passende Adjektive zu markieren. Der Lerner bekommt also eine Grafik zur Hilfe: Ein Kreis in der Mitte, in dem z.B. steht „Welche Gefühle verbinden Sie mit diesem Lied?” und um diesen Mittelkreis herum sind acht Kreise mit Adjektivgruppen angeordnet. Gegensätzliche Adjektivgruppen/Gefühlsgruppen stehen sich gegenüber (fröhlich – traurig, kraftvoll – ruhig etc.) Die Anzahl der Adjektive solltest du an das Niveau der Lerner anpassen.

Hier eine vereinfachte Version des Hevnerschen Adjektivzirkels.

Das Hofstättersche Polaritätsprofil (Bayer 2007, 70 f.) ist eine Tabelle, die an ihren beiden Enden gegensätzliche Adjektive aufführt. Die Adjektive sind beschreibend (langsam – schnell), wertend (interessant – langweilig) und metaphorisch (rund – eckig). Die Lerner sollen dann während des Hörens die Intensität für jeden Wert ankreuzen und die Punkte danach zu einem Profil, einer „Empfindungskurve”, verbinden.

Hier die Grafik zum Hofstätterschen Polaritätsprofil.

Die Vorteile dieser beiden Verfahren sind (siehe Bayer 2007, 71):

  • die Bewertungen von Musik können visualisiert werden und sind ein Ausgangspunkt für Diskussion;
  • die vorgegebenen Adjektive erleichtern das freie Sprechen der Lerner. Und
  • durch die Diskussion der musikalischen Wahrnehmung können auch leistungsschwächere Lerner, die beim Textverständnis Probleme haben, in den Unterricht integriert werden.

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3. Fazit

Mithilfe von Popsongs können also alle traditionellen Ziele des Fremdsprachenunterrichts verfolgt werden: Hörverstehen, Sprechen, Aussprache, Lesen und Schreiben. Wortschatz kann eingeübt und Grammatik anschaulich gemacht werden (vgl. Bayer, 56 f.). Viele dieser Übungen können aber auch an anderen Texten durchgeführt werden, deshalb sollte der musikalische Aspekt beachtet werden.

Das Lied sollte vorbereitet werden, sei es durch die Klärung von wichtigen Wörtern oder die Frage nach Vorwissen betreffend Popgruppe und Lied. Das Lied sollte dann als Ganzes, ohne Unterbrechung gehört werden.

Vorsicht: Meiner Meinung nach sollte man kein Musikstück überdidaktisieren, d.h. alle Aspekte zu behandeln, ist eine Art, ein Lied zu „töten”. Bayer (2007, 57) warnt auch vor sogenannten „pattern drills”, also das zweckentfremdende Einüben von festen Satzmustern, was beim Lerner sogar zum Desinteresse an der Popmusik führen könnte. Variation ist ein wichtiger Aspekt für die Lerner-Motivation. Dies ist jedesmal ein Balanceakt und eine subjektive Entscheidung des Lehrers. Der gegenteilige Fehler wäre Musik überhaupt nicht zu bearbeiten, weil man sie als Belohnung für geleistete Arbeit sieht; in diesem Fall sieht man nur den Unterhaltungswert eines Musikstücks (vgl. Bayer 2007, 56). Also, die Mischung macht’s! Und hier ist die Intuition des Lehrers gefragt.

Das Lied sollte man auch nicht zu rein idiomatischen oder grammatischen Zielen missbrauchen. Das Schöne oder Interessante am Lied sollte durch die didaktische Arbeit im Unterricht nicht zerstört werden. Den Schülern sollte die Möglichkeit gegeben werden, auf das Lied zu reagieren und sich selber bei der Arbeit am Lied einzubringen (Bayer 2007, 57).

Alternative Bearbeitungsweisen: In der obigen Darstellung wurde die Didaktisierbarkeit von Videoclips noch nicht berücksichtigt. Schlegel/Stegmeier (2010) zeigen, wie man mit der Analyse von Videoclips arbeiten kann. Allerdings sind diese Ansätze nicht eigens für den Fremdsprachenunterricht entwickelt worden; sie können aber in vereinfachter Form auch im DaF-Unterricht eingesetzt werden. Die Analyse zielt auf visuelle und technische Elemente ab wie z.B. die Beschreibung von Personen und Kameraeinstellungen. Letzteres wäre für den DaF-Unterricht meiner Ansicht nach ungeeignet. Auch bei der Arbeit mit Videoclips sollte man den Lernern, je nach Niveau, Vokabular zur Unterstützung anbieten.

von Christopher Moldrickx

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Quellen zu ”Musik im Unterricht”:

Printmedien

Bayer, Sandra (2007): Popmusik im DaF-Unterricht. Zur Eignung deutschsprachiger Popsongs für die Entwicklung einer interkulturellen Kompetenz im Deutsch-als-Fremdsprache-Unterricht. VDM Verlag Dr. Müller.

Kast, Bernd (1985): Jugendliteratur im kommunikativen Deutschunterricht. Berlin et al.: Langenscheidt.

Schlegel, Kurt/Stegmaier, Jochen (2010): Musik-Themenhefte. Videoclips. Verlag an der Ruhr.

Internet

Deutsche Single-Charts (MTV): http://www.mtv.de/charts/5-hitlist-germany-top-100

PopXport (Deutsche Welle): http://www.dw.de/dw/9800/0,,7851,00.html

Step into German (Goethe-Institut):  http://www.goethe.de/ins/us/saf/prj/sig/mus/mcv/enindex.htm

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